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Archiv für die Kategorie ‘Bildungspolitik’

Weitsichtige Bildungspolitik

5. April 2010

Der Democracy in America Blog des Economist führte kürzlich ein interessantes Interview mit Wendy Knopp, der Gründerin von "Teach For America". Es gibt viele Unterschiede zwischen den Bildungssystemen der Bundesrepublik und der USA. Es gibt viele Stellschrauben im deutschen föderalen System, die alle einen Unterschied ausmachen, ohne aber ein grundlegendes Dilemma anzupacken: die wachsende Unzufriedenheit der Bürger mit dem bestehenden Bildungssystem.

Erkennbar geht es nicht um die Frage, wer Geld in die Hand nimmt oder wer es ausgeben darf. Es geht um inspirierende Lehrer und lernbereite Schüler. Es geht um Eltern, die sich dafür einsetzen, dass ihre Kinder lernen. Teach For America macht es möglich, dass die besten Absolventen der amerikanischen Unis in die sozial benachteiligsten Schulen und Nachbarschaften gehen. Sie sind die Träger und Promotoren der amerikanischen Bildungsreform.

Frau Knopp berichtet in dem Interview über die Ergebnisse ihrer jüngsten Studie über erfolgreiche Lehrer. Erfolgreiche Lehrer blicken über den Tellerrand ihres Curriculums. Sie sind im besten Sinn des Wortes inspirierende Leader, die ihre Schüler zum Lernen motivieren. Sie sind ausdauernd. Sie können mobilisieren. Sie können motivieren. Und diese Talente entfalten sie in den am meisten benachteiligten Kommunen. Das wäre ein Modell nicht nur für Herrn Buschkowsky in Berlin-Neukölln.

Die Teach For America Alumni sind die Erfinder neuer vorbildlicher Bildungsreformprojekte. 7000 junge Lehrerinnen und Lehrer jährlich. Alle deutlich unter 30 Jahre alt

Wer mich danach fragt, was "the next big thing" in Amerika sein wird, dann würde ich sagen, dass es die amerikanische Bildungspolitik bis zum Jahr 2017 sein wird. Gerade erst hat die Obama-Regierung das No Child Left Behind Projekt  novelliert und einen bundesweiten Wettbewerb um die erfolgreichsten Schulen des Landes begonnen. Die Teilnahmebedingungen sind hart. Aber hart ist auch der Ehrgeiz der Leute an der Basis, die es im Zweifelsfall den Politikern ihres Heimatstaats sehr übel nehmen, wenn sie nicht mitziehen.

Im Kontrast dazu wirkt die aktuelle deutsche Bildungspolitik wie ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Da gibt es eine Bundesbildungsministerin, die sich in Nebensatzkaskaden ungreifbar einspinnt. Da gibt es die desaströse Bildungspolitik der Bundesländer, die es sich als Erfolg zurechnen, dass die Bürger auf die Barrikaden gehen. Da gibt es populistische Bürgerinitiativen, die bildungspolitische Distinktionsgewinne erzielen wollen, indem sie konsequent nach unten treten und gleiche Bildungschancen für alle faktisch bekämpfen.

Was für ein Desaster.

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Don´t let us down

8. September 2009

Die Rede Barack Obamas zum Beginn des neuen Schuljahres ist ein weiteres Beispiel dafür, wie hysterisch der amerikanische Meinungszyklus inzwischen geworden ist. Denn von Nachrichten oder gar news kann man in diesem Fall wirklich nicht sprechen. Die schäumenden Rechtsaußen wollten verhindern, dass der Präsident die Jugend des Landes sozialistisch indoktriniere. Auf welchem Mond leben diese Leute?

Obamas Rede enthält bekannte Bausteine, etwa, was die Mutter dem kleinen Barack sagte, wenn er morgens um 04:30 Uhr in Djakarta zu müde zum Lernen war: "This is no picnic for me either, buster."

Obama erinnert am Beispiel Michael Jordans an den Nutzen des Scheiterns: "I have failed over and over again in my life. And that is why I succeed."

Die Botschaft aber, die er heute auf dem Umweg seiner Rede in Arlington an die ganze Nation richtet, könnte kaum einfacher und wirkungsvoller sein: "Don´t let us down – don´t let your family or your country or yourself down. Make us all proud.  I know you can do it."

Das ist kein Appell an die Streber im Land, wie Gregor Peter Schmitz schreibt. Wie immer die sekundären Gedanken bei diesem lange geplanten Auftritt lauten mögen, auch dieses Mal wendet sich der Redner an die individuelle Würde seiner Zuhörer. Er appelliert an das Beste oder Besserungsfähige in ihnen.

Für den Selbstbetrug sind in der amerikanischen Medienkultur andere zuständig.

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Ehrgeiz und Traumpfade

6. August 2009

Gestern war Obama wieder in Elkhart, Indiana. Die Gegend ist von der Abwärtsspirale besonders hart getroffen – und damit wie geschaffen dafür, zu illustrieren, worum es Obama politisch geht. Erst retten, was zu retten ist – und dann auf die Überholspur wechseln.

Seine Rede ist ein schöner Kontrast zu Frank-Walter Steinmeiers Grundsatzrede vom letzten Montag. Erst legt der Präsident den Finger in die Wunde, bohrt ein bisschen drin rum. Die Anteilnahme ist so groß wie die Schmerzen, die er wachruft.

Das ist homöopathische politische Rhetorik. Sie wirkt wie ein Gegengift, das das Fieber steigen lässt – und dann die Krise meistert. Die Selbstbeherrschung dieses Politikers ist ein Verhaltensmodell für sein Land – als Kontrast zum hybriden Nachrichtenzyklus und seinen schrillen Tönen, dann durch die Zukunftsgewissheit. So entsteht geprüfte Glaubwürdigkeit.

Der Reihe nach: Obama kommt gleich zur Sache: Schön, bei denen zu sein, die mich nach Washington geschickt haben (gut da mal wieder raus zu kommen). Das Auf und Ab in der Blase interessiert mich nicht sonderlich. Viel wichtiger finde ich, was hier und mit euch passiert, was die Krise bei euch anstellt, die verlorenen Jobs, die vernichteten Ersparnisse, die Krankenversicherung, die nicht hält, was sie verspricht … Der Wind dieser Krise hat den Mittleren Westen niedergemäht. Ihr wisst, was das heißt, wenn jeder fünfte nach neuer Arbeit sucht, die Kinder wegziehen, die Fabriken schließen.

Dabei seid ihr doch daran gewöhnt, hart zu arbeiten. Ihr wisst, was ihr könnt. Und dann gibt es Leute, die daherschwafeln und euch mir nichts, dir nichts aufgeben wollen. Vergesst Elkhart. Das ist falsch und ihr wisst, warum das falsch ist. Ihr werdet auf die Probe gestellt und haltet Stand. Der Kampf um Amerikas Zukunft wird hier ausgetragen. Er wird hier gewonnen. Und wisst ihr, warum? Mit angezogener Handbremse kann keiner den Wettbewerb gewinnen. Wir setzen auf neue Chancen, auf euren Willen, auf eure Kraft, die Zukunft zu meistern.

Jetzt kommt ein schnelles Fazit, was das Konjunktupaket möglich gemacht hat, Rettung im kleinen und großen Maßstab- und schon sind wir in der Zukunft angelangt: bei den Fundamenten einer neu prosperierenden Industrie.

Obama hat was mit gebracht: die Auslobung von 2,4 Mrd. Dollar Bundeszuschüssen für die Entwicklung neuer elektrischer Antriebe, einer neuen Generation von Batterien für Autos und LKWS. Indiana bekommt davon einen großen Batzen. Davon werden in Elkhart 400 batteriegetriebene Lastwagen gefördert.

Hier höre ich auf, denn wir kennen die Argumentation. Hören wir den peroratorischen Schlussappell des Präsidenten: "But this is a rare moment in which we’re called upon to rise above the failures of the past.  This is a chance to restore that spirit of optimism and opportunity which has always been central to our success.  We’ve got to set our sights higher, not lower.  We’ve got to imagine a future in which new American cars are powered by new American innovation; a future in which cities that led the global economy before are leading it again; a brighter future for Elkhart, a brighter future for Indiana, and for the United States of America.  (Applause.)

That’s what we’re fighting for.  That’s what this plant is about.  That’s what you’re about.  That’s what we’re going to achieve in the weeks and months to come.  (Applause.)"

Was für ein Kontrast zur Grundsatzrede des sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten. Auch er könnte, wie sein einstiger Mentor, sagen: "Pathos kann ich nicht." Das nehmen wir ihm ab. Er wird sich nicht in einen mitreißenden Prediger verwandeln.

Aber es reicht doch, ihn an die eigene Geschichte zu erinnern. An die Optionen, die sich ihm  stellten. An ihre Alternativen.

Sagen wir es so: Warum soll man von einem Mann mit dieser Lebensgeschichte nicht vergleichendes Mitgefühl erwarten? Warum nicht? Warum setzt der Spitzenkandidat der Sozialdemokraten bildungspolitisch so unehrgeizige Ziele? Obama will die USA bei den Hochschulabsolventen eines Jahrgangs bis 2020 weltweit wieder an die Spitze bringen.

Die OECD hat Deutschland im letzten Jahr (zum Zeitpunkt des sogenannten Bildungsgipfels, einem föderalen Meilenstein falscher Nickeligkeiten) im Kapitel Bildungspolitik ein miserables Zeugnis ausgestellt. Der Mann, der als erster in seiner Familie das Abitur gemacht hat, hält es für ehrgeizig, wenn in Deutschland bis 2020 50% eines Jahrgangs Abitur machen. Dabei haben ihm seine Vordenker doch schon vorgerechnet, zu welchen Wertschöpfungsverlusten der Ingenieurmangel führt. Warum sieht er nicht, was Russland, Japan, Korea bildungspolitisch Deutschland voraus haben?

Egal. Die Reaktionen auf Steinmeiers Rede irritieren mich noch mehr als die Rede. Die historischen Beckmesser rennen zurück zur politischen Planung der 60er Jahre, dem Menetekel ihres Scheiterns. Diese Neunmalklugen laufen mit Scheuklappen durch die Welt. Die Idee des Wettbewerbs kommt bei ihnen nicht vor – oder nur als Schreckgespenst. Was in diesen Jahren in China und in Amerika, in Russland, Indien und Brasilien passiert, sie wissen nichts davon. Schlimmer: Sie sind gar nicht neugierig.

Aber das ist ein anderes Kapitel.

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