Auf Augenhöhe
Es gibt nach zwei Wochen, in denen der Rhetorik-Blogger mit einer Vielzahl anderer Themen beschäftigt war, eine Reihe von Auftritten des amerikanischen Präsidenten, die ein tieferes Verständnis der politischen Entwicklung in den Vereinigten Staaten ermöglichen.
Hier vorab das Video einer Diskussion Barack Obamas mit republikanischen Abgeordneten.
Es gehört zu den Paradoxien der aktuellen amerikanischen Politik, dass man nun dafür plädiert, solche Begegnungen zur Regel zu machen. Das ist paradox, weil die republikanischen Senatoren nichts unversucht lassen, die Regeln nach Belieben neu zu definieren.
Die neu erstarkte Paranoia der amerikanischen Politik, die Tea Party Bewegung, versucht den Eindruck zu erwecken, sie vertrete uramerikanische konservative Werte. Tatsächlich aber ist es der Institutionalist Barack Obama, der den Institutionen Respekt bekundet. Nun wendet er sich an die "loyale Opposition", weil schwere Zeiten gemeinsames Handeln erzwingen.
Nebenbei eine gute Gelegenheit, die eigene Partei auf diesem Umweg zu disziplinieren. Das Format dieser Begegnung (es gab nicht nur einen Schlagabtausch) kommt einem deutschen Leser irgendwie bekannt vor. Als habe Barack Obama das Konzept der Talkshow "Hart, aber fair" adaptiert, allerdings mit dem Unterschied, sowohl den Moderator als auch mehrere Gastrollen gleichzeitig zu spielen.
Hier kommt ihm zugute, dass er das legislative Handwerk und die Dokumente beherrscht und erstaunlich gut auch über Details im Bilde ist. Das könnte ihm von anderer Seite auch vorgeworfen werden. Über den vielen Einzelheiten verschwimmt das große Bild. Die Komplexität, Obamas Domäne, wird mehr und mehr zu einer Schwäche seiner Präsidentschaft. Darum plädieren manche seiner Freunde dafür, dass er sich stärker an Ronald Reagan ein Beispiel nehmen solle: als großer Vereinfacher.
Fünf Tage später ist Barack Obama zu Gast bei einer Konferenz demokratischer Senatoren.
Als ehemaliger Kollege kennt Obama den Eigensinn (und die besonderen Interessen) der demokratischen Senatoren. Auch hier beweist er die Kunst politischer Gratwanderung. Das laue Lüftchen überparteilicher Politik scheint bis auf weiteres erst einmal wieder erfroren. Kaum hatte Obama öffentlich eine überparteiliche Initiative für eine Defizitkommission begrüßt, zogen sogar die Republikaner sich wieder zurück, die das Vorhaben mit auf den Weg gebracht hatten.
Die Rede zur Lage der Nation hat einen Rollenwandel eingeläutet. Jetzt zeigt Obama, was in ihm steckt. Der souverän mit den Details vertraute Verfassungsrechtler weicht dem powerplayer der Exekutive.
Obama zeigt, was für ein Kämpfer er auch als Präsident sein kann.

