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Archiv für 5. Februar 2010

Auf Augenhöhe

5. Februar 2010

Es gibt nach zwei Wochen, in denen der Rhetorik-Blogger mit einer Vielzahl anderer Themen beschäftigt war, eine Reihe von Auftritten des amerikanischen Präsidenten, die ein tieferes Verständnis der politischen Entwicklung in den Vereinigten Staaten ermöglichen.

Hier vorab das Video einer Diskussion Barack Obamas mit republikanischen Abgeordneten.

Es gehört zu den Paradoxien der aktuellen amerikanischen Politik, dass man nun dafür plädiert, solche Begegnungen zur Regel zu machen. Das ist paradox, weil die republikanischen Senatoren nichts unversucht lassen, die Regeln nach Belieben neu zu definieren.

Die neu erstarkte Paranoia der amerikanischen Politik, die Tea Party Bewegung, versucht den Eindruck zu erwecken, sie vertrete uramerikanische konservative Werte. Tatsächlich aber ist es der Institutionalist Barack Obama, der den Institutionen Respekt bekundet. Nun wendet er sich an die "loyale Opposition", weil schwere Zeiten gemeinsames Handeln erzwingen.

Nebenbei eine gute Gelegenheit, die eigene Partei auf diesem Umweg zu disziplinieren. Das Format dieser Begegnung (es gab nicht nur einen Schlagabtausch) kommt einem deutschen Leser irgendwie bekannt vor. Als habe Barack Obama das Konzept der Talkshow "Hart, aber fair" adaptiert, allerdings mit dem Unterschied, sowohl den Moderator als auch mehrere Gastrollen gleichzeitig zu spielen.

Hier kommt ihm zugute, dass er das legislative Handwerk und die Dokumente beherrscht und erstaunlich gut auch über Details im Bilde ist. Das könnte ihm von anderer Seite auch vorgeworfen werden. Über den vielen Einzelheiten verschwimmt das große Bild. Die Komplexität, Obamas Domäne, wird mehr und mehr zu einer Schwäche seiner Präsidentschaft. Darum plädieren manche seiner Freunde dafür, dass er sich stärker an Ronald Reagan ein Beispiel nehmen solle: als großer Vereinfacher.

Fünf Tage später ist Barack Obama zu Gast bei einer Konferenz demokratischer Senatoren.

Als ehemaliger Kollege kennt Obama den Eigensinn (und die besonderen Interessen) der demokratischen Senatoren. Auch hier beweist er die Kunst politischer Gratwanderung. Das laue Lüftchen überparteilicher Politik scheint bis auf weiteres erst einmal wieder erfroren.  Kaum hatte Obama öffentlich eine überparteiliche Initiative für eine Defizitkommission begrüßt, zogen sogar die Republikaner sich wieder zurück, die das Vorhaben mit auf den Weg gebracht hatten.

Die Rede zur Lage der Nation hat einen Rollenwandel eingeläutet. Jetzt zeigt Obama, was in ihm steckt. Der souverän mit den Details vertraute Verfassungsrechtler weicht dem powerplayer der Exekutive.

Obama zeigt, was für ein Kämpfer er auch als Präsident sein kann.

admin Allgemein, Politische Rhetorik, bipartisanship ,

Mit Verlaub

5. Februar 2010

Kennen Sie die Lieblingsformulierung von Guido Westerwelle? Nein, nicht die Retourkutsche "liberal, aber nicht blöd zu sein". Die fällt in die Rhetorik-Klippschule billiger Schlagfertigkeit. Das ignoriere ich nicht einmal.

Guido Westerwelle, den manche seiner Parteifreunde den "Minister des Äußersten" nennen, sagt oft (und offenbar gerne) "mit Verlaub". Der lautsprechende Wortführer der "Partei der Freiheit" liebt eine Formel innerster rhetorischer Unfreiheit.

Die Brüder Grimm melden zu dem Thema, mit Verlaub sei eine "bis heute übliche, formelhafte redensart (…) besonders als einführung einer möglicher weise anstöszigen sache und rede". Nun kommt vielleicht der Einwand, das sei dann eher Beleg für die guten Manieren des Redners, der, noch bevor er zu seinen Argumenten aushole, sich vorab dafür entschuldigt, dass sie noch nicht von allen zur Kenntnis genommen worden seien.

Mit Verlaub, das ändert nichts an dem Befund. Aus der Formel spricht der Untertan. Bevor der zu ihr ausholt, knallt er im Grunde seiner Seele die Hacken zusammen. Sodann erst folgt, was der Untertan für anstößig halten könnte.

Das Komische an der Sache ist, dass Guido Westerwelles "mit Verlaub" eher wie ein Fanfarenstoß klingt. Bei Westerwelle gerät die Abwehr zur Attacke. Den Mechanismus macht das nicht schöner.

Nun könnte man einwenden, dass auch der Abgeordnete Joseph Fischer im Plenum des Deutschen Bundestages einmal mit Applomb "mit Verlaub" gesagt habe. Das ist wohl wahr. Fischer sagte am 18. Oktober 1984 zum Bundestagspräsidenten Richard Stücklen: "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch." Fischer redete konkordant mit Grimms Erläuterung. Er beging vorsätzlich einen Regelverstoß, den der Präsident augenblicklich ahndete.

Bei Guido Westerwelle ist das komplizierter. Westerwelle benutzt die Formel als Ordnungsruf. Meistens folgt ihr eine längliche Herleitung, warum er das Recht, die Weisheit oder Vernunft auf seiner Seite weiß. So verfestigt er ein Bild liberaler Politik, die für sich den nicht gerichtsfesten Status chronischer Unschuld reklamiert.

Das Verdikt, die FDP sei bloß eine Funktionspartei, gerät auf diesem Umweg in Erinnerung. Also zum Regieren praktisch geboren zu sein. Mit allem, was dazu gehört, ja, ihr zusteht. Dafür war die FDP ein paar Jahre zu lang in der Opposition. Das erklärt diese anfallsartige Fressattacke nach Posten und Pöstchen für Parteisoldaten aus der dritten und vierten Reihe.

Erst predigt der Wachhund das Maßhalten. Dann vertilgt er den Wurstvorrat. Der liberale Laden landet nach 100 Tagen wieder da, wo er hin gehört.

Mit Verlaub, willkommen in der Gegenwart!

 

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