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Archiv für 1. März 2010

Wer muss dürfen? Seismographie des Unsinns

1. März 2010

Je länger diese Causa vor sich hinschwelt, desto eigentümlicher wirkt die Prosa unseres Bundesministers des Äußersten. Hätte er sich wie das Nachwuchspersonal des Auswärtigen Amtes darin geschult, mit vielen Worten fast nichts zu sagen, also den klassischen Genschman-Sound trainiert, der im Halleschen Genuschel Weisheit in Binsen kleidete, dann wäre ihm dieser Lapsus im Duktus nicht passiert.

Wo liegt das Problem? Der Leichtmatrose hat zu viel geladen. Genauer gesagt, er scheint zu viel geladen zu haben. Herr Tur Tur lässt grüßen. Der gesellschaftspolitische Tiefgang ist ein Schein-Tiefgang. Das hat die nüchterne Uckermärkerin gemerkt, sodann getroffen und versenkt. Schauen Sie sich die Alternativen zu GWs Satzbau an: Man muss sagen dürfen …

Man muss sagen: Das Essen war vorzüglich. Herr Bush sen. hat zwar das Gesicht ins japanische Geschirr gesenkt. Aber das hat mit dem Mahl nichts zu tun. Oder: Man darf sagen, das sei ein ganz famoser Abend gewesen. Die Herzogin von G. zeigte sich hinterher allerdings auf den Tod gelangweilt.

Der Satzbau beginnt vor sich hinzuschwelen, wenn der Erste Gast am Tisch sich erhebt und sagt: Man muss sagen dürfen, dass eine Karauschengräte in manchen Hälsern zu ihrem letalen Nachteil stecken bleibt. Dann ist der Witz im Drama dahin. In der Kombination der zwei Modalverben müssen und dürfen gewinnt die Syntax den Stil der Pressatmung. Athleten und Sportärzte kennen die Gefahr. Es drohen schlimme Verletzungen.

Politische Pressatmung kennzeichnete den Stil von Franz-Josef Strauß. Bei ihm wirkten innerer und äußerer Druck mit dem dicken Bauch und dem dicken Hals und dem großen Kopf zusammen. Man musste mit ihm nicht einverstanden sein dürfen. Hä!!? Aber er war zu verstehen.

Guido Westerwelles Ikonoklasmus des Dürfenmüssens ist für die Seismographie politischen Unsinns das Indiz für ein Beben im Leben des Redners. Hat er zu viel gemusst? Hat er zu wenig gedurft? Oder zu wenig gemusst und zu viel gedurft? Wie auch immer – indem er zusammenbringt, was auseinander gehört, wirft er die Frage auf. Warum muss er dürfen? Warum darf er müssen?

Guido Westerwelles Kollege im BMZ macht den Eindruck,  als ob er bald platzt. Bundesminister Brüderle, der seiner volatilen Formulierungsgabe so wenig traut, dass er auf der Webseite seines Hauses nur die albernen Sprechzettel veröffentlicht (mit dem Zusatz: Es gilt das gesprochene Wort – April April), beherrscht ein paar fernöstliche Atem- und Bewegungstechniken.

Guido Westerwelle setzt sich selbst unter Druck. Mit Freiheit hat das nichts zu tun. Freiheit liebt das Können, das Spiel mit den Optionen, das kölsche Jönne-Könne. Um es in Guido Westerwelles Worten auf den Punkt zu bringen: Man muss auch können dürfen.

Oder einfach nur können.

 

 

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The Poetry of Reality

1. März 2010

via Mental Health Break of The Daily Dish

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