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Archiv für 7. März 2010

What Went Wrong?

7. März 2010

Yves Smith, die Autorin von ECONNED und Bloggerin des nakedcapitalism-Blogs, erzählt in diesem Posting gut dokumentiert, was schief lief und warum die Krise durch falsche Maßnahmen noch lange nicht ausgebadet ist.

Unsere Bundeskanzlerin, die zum Amtsantritt der christlich-liberalen Koalitionsregierung eine "schonungslose Analyse der Lage unseres Landes" versprach, hat noch nicht geliefert. Bei Smith kann man nachlesen, was wir von ihr nicht zu hören bekommen.

Die Aussagen von Smith klingen plausibel. Sie sieht sich im Einklang mit der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, nicht unbedingt ein Hort finanzpolitischer Paranoia,  und ihren Forderungen, toxische Papiere auf ihren realen Marktwert fallen zu lassen, die Sparquote zu stärken und Banken bzw. Unternehmen dazu zu zwingen, faule Schulden abzuschreiben.

Viele Maßnahmen der letzten 18 Monate wirken im Kontrast dazu wie Kosmetik im Leichenschauhaus. Von einer schönen Leiche aber können nur wenige leben. Die finanzpolitische Rhetorik gleicht weiß getünchten Gräbern.

Weil sie es nicht besser weiß? Ach was! Weil sie die Folgen einer realistischen Adressierung der Lage nicht kalkulieren kann. Aus Angst vor der Angst. Das macht die Lage nicht besser.

ed 090310 (Frankophone Leser hätten hinter dem Vornamen Yves nicht eine Frau vermutet)

admin Allgemein, Finanzkrise ,

Scheinheiligkeit

7. März 2010

Wie so oft, sind die kleinen feinen Blogs die genauesten Beobachter des Geschehens. In der letzten Woche erschien der amtierende Chef der Citibank vor dem Untersuchungsausschuss des Kongresses zur Bankenrettung. Hier kann man nachlesen, was Baseline über die Aussagen von Vikram Pandit denkt.

Diese Anhörungen sind ein Vorbild für den Deutschen Bundestag. Er sollte eine hochkarätig besetzte Enquete-Kommission beschließen, um nach der Erfahrung mit dem Finanzmarktstabilisierungsgesetz die Achtung des Gesetzgebers vor sich selbst wieder in Kraft zu setzen.

admin Allgemein, Finanzkrise

Zitate (1)

7. März 2010

Ein neuer Beitrag zur Vielfalt dieses Blogs: Zitate, die Aussicht darauf bieten, die Zeit vom Frühstückstisch zum Fischhändler bei weitem zu überleben.

Den Beginn macht Paul Krugman. Nebenbei bemerkt, Loudon Wainwrights Paul Krugman Blues, den der New Yorker in der vorletzten Woche auf seiner Website postete, war hier schon im letzten Sommer zu hören.

Nun aber das Zitat zum Thema, dass Demokraten und Republikaner in den Vereinigten Staaten von Amerika offenbar in sehr verschiedenen Welten leben: "Someday, somehow, we as a nation will once again find ourselves living on the same planet. But for now, we aren’t. And that’s just the way it is."

admin Allgemein, Zitate ,

Paradoxien der Heuchelei (updated)

7. März 2010

Nun untersuchen sie also wieder. Die Ergebnisse sollen am 1. Dezember 2010 vorliegen. Was immer sie heraus finden, wird dem Langzeitbeobachter dieses Themas nicht neu sein. Es geht um die Heuchel-Formel "Don´t Ask, Don´t Tell", mit der in den letzten 18 Jahren schwule und lesbische Soldaten in den amerikanischen Streitkräften solange geduldet wurden, solange ihr Triebschicksal kein Thema wurde.

Nun gibt es einige Militärs und Bürokraten, die nach den Anhörungen im Streitkräfteausschuss des amerikanischen Senats einen Bericht erarbeiten sollen. Für diesen Bericht, so wurde es angekündigt, würden sie auch mit schwulen und lesbischen Soldaten sprechen. Das aber ist, solange DADT gilt, ein Ding der Unmöglichkeit, es sei denn, sie nähmen billigend in Kauf, dass sie ihren Gesprächspartnern immer gleich nach dem Gespräch die Entlassungsurkunde überreichen.

Gehts noch absurder? Aber inzwischen gibt es konkrete Änderungsvorschläge im Senat.

admin Allgemein

Möglichkeitssinn

7. März 2010

Thomas L. Friedman, die Spürnase der New York Times Kolumnisten, wirkt manchmal wie ein etwas überdrehter Marketing-Guru. Zuletzt konnte man ihn in Berlin bei einem Vortrag in der American Academy erleben. Für die deutsche Academia bietet er zu viel Powerpoint, zu viel Anekdotik, zu viel Effekthascherei. Das mag auch daran liegen, dass hierzulande Langeweile als Verkörperung der Seriosität gilt. Ein bisschen mehr Beweglichkeit, etwas mehr Spekulation, auch etwas mehr Aufmerksamkeit dafür, was anderswo an noch unscheinbaren Sachen passiert, könnte sich lohnen. Ein Beitrag für ein neues Kapitel in diesem Blog, das ich der Kategorie des Möglichkeitssinns zurechne.

Etwa wenn man daran denkt, was für aberwitzig teure Pilot- und Forschungsprojekte daran kauen, wie die Abscheidung von Kohlendioxid in Kohlekraftwerken aussehen könnte. Mit dem Beispiel, das Friedman in seiner heutigen NYT-Kolumne vorstellt, sehe ich die deutsche Zementindustrie zu neuen Ufern aufbrechen. Das Prinzip kann jeder auf einem längere Zeit nicht gereinigten Duschkopf beobachten. Oder 1 und 1 zusammenzählen. Kohlendioxid reagiert mit Salzwasser zu Kalziumkarbonat. Statt das Treibhausgas mit unkalkulierbaren Langzeitfolgen in irgendwelchen Höhlen zu speichern oder in Seen zu pumpen, kann es zu Baustoff oder Grundstoffen der Zementindustrie verarbeitet werden – und damit manche Steinbruch- und Zementwerk-Mondlandschaften in Naturidyllen zurückverwandeln, weil der Rohstoff, den man dort bisher abbaut bzw. produziert, künftig in Kohlekraftwerken entsteht.

Der Erfinder dieser Idee, Vinod Khosla, war ein Mitgründer von Sun, und die Firma, die ein heißer Tip für Venture Capital wird, heißt Calera. Die Logik, die Sun groß gemacht hat, steckt auch hinter dieser Rekombination von Faktoren der Rohstoffindustrie nebst solidem naturwissenschaftlichen Basiswissen: ein gut entwickelter Spürsinn für das Heben von Kooperationspotenzialen.

Das andere Beispiel, das Friedman erwähnt, ist die Idee von K.R. Sridhar, noch so ein Inder, den man auch in Deutschland gut gebrauchen könnte, hätte es hier nicht so alberne Kampagnen gegeben … Sridhar ist ein Ingenieur, der neue Brennstoffzellen und ihre Basistechnologie entwickelt. CBS berichtete in der letzten Woche über ihn. Google, Wal-Mart, eBay,  FedEx, Coca-Cola nutzen seine Brennstoffzellen.

Am Ende seiner Kolumne röhrt Friedman wieder in großer Form,  zu viele Amerikaner hätten aufgehört zu träumen, ihr Draht zum amerikanischen Traum sei abgerissen. Um es mit Peter Sloterdijk zu sagen: Für diese beiden Inder ist der American Dream weiter auf Sendung. Und sie haben geliefert.

Ein gutes Beispiel für die Verwandlungs- und Bewegungskraft eines gut entwickelten Möglichkeitssinns.

 

 

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