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Mit Verlaub

5. Februar 2010

Kennen Sie die Lieblingsformulierung von Guido Westerwelle? Nein, nicht die Retourkutsche "liberal, aber nicht blöd zu sein". Die fällt in die Rhetorik-Klippschule billiger Schlagfertigkeit. Das ignoriere ich nicht einmal.

Guido Westerwelle, den manche seiner Parteifreunde den "Minister des Äußersten" nennen, sagt oft (und offenbar gerne) "mit Verlaub". Der lautsprechende Wortführer der "Partei der Freiheit" liebt eine Formel innerster rhetorischer Unfreiheit.

Die Brüder Grimm melden zu dem Thema, mit Verlaub sei eine "bis heute übliche, formelhafte redensart (…) besonders als einführung einer möglicher weise anstöszigen sache und rede". Nun kommt vielleicht der Einwand, das sei dann eher Beleg für die guten Manieren des Redners, der, noch bevor er zu seinen Argumenten aushole, sich vorab dafür entschuldigt, dass sie noch nicht von allen zur Kenntnis genommen worden seien.

Mit Verlaub, das ändert nichts an dem Befund. Aus der Formel spricht der Untertan. Bevor der zu ihr ausholt, knallt er im Grunde seiner Seele die Hacken zusammen. Sodann erst folgt, was der Untertan für anstößig halten könnte.

Das Komische an der Sache ist, dass Guido Westerwelles "mit Verlaub" eher wie ein Fanfarenstoß klingt. Bei Westerwelle gerät die Abwehr zur Attacke. Den Mechanismus macht das nicht schöner.

Nun könnte man einwenden, dass auch der Abgeordnete Joseph Fischer im Plenum des Deutschen Bundestages einmal mit Applomb "mit Verlaub" gesagt habe. Das ist wohl wahr. Fischer sagte am 18. Oktober 1984 zum Bundestagspräsidenten Richard Stücklen: "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch." Fischer redete konkordant mit Grimms Erläuterung. Er beging vorsätzlich einen Regelverstoß, den der Präsident augenblicklich ahndete.

Bei Guido Westerwelle ist das komplizierter. Westerwelle benutzt die Formel als Ordnungsruf. Meistens folgt ihr eine längliche Herleitung, warum er das Recht, die Weisheit oder Vernunft auf seiner Seite weiß. So verfestigt er ein Bild liberaler Politik, die für sich den nicht gerichtsfesten Status chronischer Unschuld reklamiert.

Das Verdikt, die FDP sei bloß eine Funktionspartei, gerät auf diesem Umweg in Erinnerung. Also zum Regieren praktisch geboren zu sein. Mit allem, was dazu gehört, ja, ihr zusteht. Dafür war die FDP ein paar Jahre zu lang in der Opposition. Das erklärt diese anfallsartige Fressattacke nach Posten und Pöstchen für Parteisoldaten aus der dritten und vierten Reihe.

Erst predigt der Wachhund das Maßhalten. Dann vertilgt er den Wurstvorrat. Der liberale Laden landet nach 100 Tagen wieder da, wo er hin gehört.

Mit Verlaub, willkommen in der Gegenwart!

 

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